• Artist Statement

    In meinen Bildern konzentriere ich mich auf das Eigenartige und das Wesenhafte von Menschen, Tieren und Pflanzen.
    Den Fokus richte ich ganz auf den Charakter, indem ich die Protagonisten meiner Bilder aus einem gegenstandslosen Raum heraus modelliere. Nur selten sind Elemente auf der Bildfläche zu sehen, die eine räumliche Orientierung geben. Im Gegensatz dazu sind die Spuren des Lebens detailliert zu erkennen, insofern diese charakterbildend sind: Falten und Narben auf der Haut oder den Stoffen, deren Oberflächen auf innere psychische Zustände schließen lassen und insgesamt Haltung ausdrücken.
    Zwischen Betrachter und Bildnis schaffe ich im Gegenüber einen imaginären Raum, zwischen dem es möglich wird, über die eigene Existenz als eigenartige Erscheinungsform zu reflektieren.

  • Kurzbeschreibung der Projekte

    GOLDKINDER

    Die Werkgruppe GOLDKINDER umfasst eine Serie von insgesamt 15 Gemälden. Es sind Bildnisse von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die von Gold ummantelt sind. Alleine oder zu zweit stehen sie in einem undefinierbaren Raum, der erfüllt ist von einem warmen Dunkel.
    Mit dem ruhigen Blick und der aufrechten Haltung erscheinen sie dem Betrachter als Majestäten. Doch ihre Goldroben sind nichts weiter als Rettungsfolien aus gefärbtem Plastik und aufgedampftem Aluminium. An den Küsten Europas werden sie denjenigen umgelegt, die alles verloren haben, weil sie vor Gewalt und Krieg fliehen mussten.
    Die Portraitierten sind Straßen- und Flüchtlingskinder, die ich persönlich kenne und Kinder und Jugendliche aus meinem Freundeskreis. Sie entstammen aus Polen, Afghanistan, Cuba, Syrien, Irak, Nepal, Deutschland, Frankreich, Marokko... Sie alle sind ´Kinder dieser Erde´ und stehen für eine Welt, in der sich alle wertschätzen und in der sich offen begegnen.


    DER LEISE ATEM VON WASSER

    Beim Malen erforsche ich die Erscheinung der Lichtreflexe auf klarem, leuchtend bewegtem Wasser und dessen fließende Formen, die durch Reflexionen sichtbar werden. Dabei entdecke ich geheimnisvolle Zeichen, Hyroglyphen gleich und Wirbel, die den Körper umfließen und dessen Formen so verzerren, dass sichtbar wird, wie alles miteinander verbunden ist.
    Ich verliere mich in den Tiefen von Blautönen und suche in Körperhaltungen und Gesten die natürliche Erotik und die Sinnlichkeit des nackten, weiblichen Körpers in seinem Element Wasser darzustellen. Ich möchte lebendiges Wasser malen, das atmet.


    GENESIS

    zeigt auf zwei Gemälden großformatig die alten Hände meiner Eltern. Gemeinsam mit ihnen habe ich nach einer charakteristischen Haltung gesucht, in der sich die Linke und die Rechte begegnen.
    Während des Malprozesses wurde ich an das Leben mit ihnen durch die Vielfalt ihrer Berührungen erinnert. Sie haben mich gestreichelt, erfasst, ergriffen, getragen, geschlagen, gehalten, umarmt und liebkost.
    Die Portraits entstanden in Zusammenhang mit der Ausstellung ´Die Denkende Haut - The Perfect Sense´, zu der ich eingeladen war, eine malerische Position zu bekleiden. Ich entschied mich für eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit unserem größten Sinnesorgan, dem Tastsinn.


    DER LIEBENDE BLICK

    Luca, Marie, Kyrill, Hannah, Noel, Hermina, Jesse, Franzi, Samuel, Dominik und Chris zählten zu den über 38 000 Jugendlichen, die allein in Deutschland als Straßenkinder leben und die mit Hilfe von ´KARUNA – Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not´ ein neues Leben beginnen wollen.
    Über den Blick nehmen Lebewesen Kontakt zu anderen auf. Der Psychoanalytiker Heinz Kohut (1913 – 1981) sprach vom „Glanz im Auge der Mutter“. Man könnte es auch ´Der liebende Blick´ nennen. Menschen wie Tiere setzen ihn ein, um ihren Jungen ohne Worte zu sagen: „Alles ist gut. Du bist genau richtig. Wie schön, dass es dich gibt.“


    DAS ICH IM ANDEREN

    Im Sommer 2010 gründeten 10 Künstler die „gruppezwanzigzehn“. Ziel war es, das Künstlerportrait in den
    Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen.
    Über zwei Jahre lang waren wir einander Modell, um „Das Ich im Anderen“ sichtbar werden zu lassen. So entstanden über zehn mal zehn Portraits.
    Das Interesse galt sowohl der Vielfalt, die jeder Künstler in seiner Technik zum Ausdruck bringt, als auch der Ähnlichkeit, mit der alle eine Persönlichkeit erkennbar visualisierten.
    Während der Ausstellungen wurden die insgesamt 100 Portraits in zwei Hängungen gezeigt:
    In der ersten wurden die Portraits dem jeweiligen Künstler zugeordnet, in der zweiten dem jeweils Portraitierten.


    DAS  ANIMALISCHE  PORTRAIT

    Tiere waren einst ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Dem Menschen waren sie Freund und Feind, Partner und Herausforderer, Beschützer und Gegner.
    Wir jagten und bewunderten sie, suchten ihre Nähe, lebten und starben mit und durch sie. Ihre Kraft, ihre Fähigkeiten, ihre Eigenheiten wurden für uns zum Symbol einer ambivalenten Kraft, die uns allen innewohnt.


    HYDROMORPHOSEN

    umfasst eine Werkgruppe von 30 Arbeiten auf Papier. Im Vorfeld habe ich die Entscheidung für die Kreisform und den gleichen Durchmesser getroffen. Darüber hinaus war alles Experiment.
    Die animalischen Pigmente der Sepiatusche habe ich genutzt, um Formen mit Wasser, Bewegung, Überlagerung und An- bzw Abstoßung zu erzeugen. Zusätzlich habe ich manchmal pflanzliche Pigmente addiert.
    Durch die Berührung der im Wasser gelösten Pigmente mit chemischen Stoffen wuchsen eigentümlichen Gebilde, ähnlich denen pflanzlicher und mineralischer Strukturen. Flächen und Linien wurden von mir gesetzt oder heraus genommen, um den Eindruck einer natürlichen, organischen Verwandlung hervorzuheben. Jede Hydromorphose gleicht einem individuell gewachsenen Gebilde.


    WILDWUCHS

    Was ist eigentlich ´Unkraut´?


    LET´S GET LOST

    Ich erforschte das Antlitz des Menschen, das während eines Orgasmus nur noch Ausdruck für die Sehnsucht nach Erlösung ist.


    OBERHÄUPTER

    Kann man in einem Gesicht ablesen, ob ein Mensch gut oder böse ist, friedlich oder gewalttätig, machtvoll oder ohnmächtig?
    Im Internet habe mich auf die Suche gemacht nach den Charakteren, welche die Geschicke der Nationen lenken. Innerhalb eines Jahres entstanden über 100 Portraits. Angetrieben hat mich die Frage: Machen Menschen Geschichte oder Geschichte Menschen? Auf Bildern, in Interviews und Dokumentationen konnte ich jede dieser Persönlichkeiten erforschen, um mir ein Bild zu machen. Ich habe all diese Politiker von bekleidenden Zeichen ihrer Macht befreit, so dass sie uns sozusagen nackt begegnen. Das Zeichnen wurde für mich zu einer Reise in die Gesichtslandschaften dieser Machtmenschen.
    Über den Blickkontakt nehme ich den Betrachter mit auf diese Reise zu den Oberhäuptern dieser Welt. Linien werden zu Falten und Furchen, Pigmentpfützen zu Schatten, welche die Höhen und Tiefen dieser Charaktere modellieren.
    Unwillkürlich folgt der Blick den Zufälligkeiten, die entstehen, wenn Tusche auf sehr nassem Papier geführt wird und den Betrachter dazu anregen, die Formen zusammenzusetzen und sich selbst ein Bild zu machen.


    MIT HAUT UND HAAREN

    Die Philosophie sagt, es ist das „Ich bin!“;
    die Wissenschaft sagt, es sind nur 1,6 Prozent;
    die Bibel sagt, es ist das Wort;
    die Kunst sagt, es ist die Muse;
    die uns voneinander trennen.


    FREUNDESKREIS

    Zwei Chromosomensätze vereinen sich, um durch millionenfache Zellteilung zu wachsen und ein Lebewesen zu werden.
    Egal wie groß oder klein, dick oder dünn, behaart oder unbehaart sie auf die Welt kommen, sie landen bei uns als Individuen mit einer deutlich wahrnehmbaren Persönlichkeit.
    Je größer sie werden, desto klarer teilen sie mit, was sie wollen und was nicht, wen oder was sie mögen und wen oder was nicht, wer ihnen nahe kommen darf und wer nicht. Das macht sie so faszinierend.


    KATHMANDU

    Im Frühjahr 2016, ein Jahr nach dem Erdbeben, reiste ich nach Nepal, Ich hatte den Auftrag fotografisch zu dokumentieren, wie Fairtrade Produkte in den Webereien Kathmandus gefertigt werden. Während unseres gesamten Aufenthaltes sahen wir nicht ein Mal den Blauen Himmel. Tausende Ofen brannten, um Ziegel für den Wiederaufbau herzustellen. Die Luft war weiß und giftig. Viele liefen mit feuchten Tüchern vor Nase und Mund durch die Stadt, in der sich Menschen, Tiere und alle möglichen Arten von fahrbarem Untersatz durch die engen Straßen drängten. Ich war bewegt von der wachen Freundlichkeit und der duldsamen Beharrlichkeit mit der die Menschen dort auf engem Raum so nah beeinander leben.


    WEGGEFÄHRTEN

    Die Fotografien entstanden während der 2. Bundeskonferenz der Straßenkinder in Berlin, die im September 2015 unter dem Motto „Mein Name ist Mensch“ stattfand. In einem kleinen, selbstgebauten Studio wurden dort die Teilnehmer der Konferenz fotografiert.
    Durch einen Fensterrahmen traten die Jugendlichen aus dem Schatten ins Licht. Jede*r konnte selbst bestimmen, inwieweit er*sie sich zeigen wollte. Dadurch entstand ein individuelles Spiel mit Licht und Schatten, dem Sichtbaren und dem Verborgenen.
    Das warme Licht modellierte die außergewöhnliche Schönheit dieser Straßenkinder, die schmerzlich geprägt ist von den Erfahrungen auf der Straße und dem Leben als Obdachlose.


    GESCHÖPFE DES LICHTS

    Entlang der Isar wachsen sie als unscheinbare Geschöpfe inmitten eines grünen Meeres aus Gräsern und Halmen. Ihre Nahrung ist Wasser und Licht.
    Am Abend, wenn die Sonne bereits hinter dem Horizont versunken war und die Blaue Stunde anbrach, tauchte ich mit dem Auge der Kamera ein in dieses leuchentende Universum und entdeckte auch dort
    im ganz Kleinen die unbeschreibliche Vielfalt einer phantastischen Schöpfung.


    BLAUE STUNDE

    Ende Oktober setze ich Zwiebeln in die Erde. Dann kommt der Winter. Es regnet, schneit, friert und taut. Die Erde ist grau-braun oder schneeweiß und die Bäume stehen wie dunkle Gerippe auf ihr. Doch dann, wie jedes Jahr, geschieht dieses unglaubliche Wunder: Grüne Spitzen bohren sich aus dem Boden ins Licht und verwandeln sich, in Blaublüter und Beetschwestern oder bevölkern als Stilblüten und Durchlauchten für ein paar Wochen meinen Garten.


    SCHNEEHERBST

    Vielleicht alle 10 Jahre fällt der erste Schnee im Herbst so frühzeitig, dass die Blätter noch an den Bäumen hängen. Weiß liegt dann auf der herbstlichen Farbenpracht in Grün, Gelb, Rot und Braun und taucht alles in einen malerischen Zauber.
    Vier Tage lang wanderte ich mit meiner Kamerra umher und fotografierte dieses Wunder der Natur in Spiegelbildern die auf der langsam dahin fließenden Isar zu sehen waren.

  • Fragen zum menschlichen Antlitz


    Über das Portraitieren

    Kann man in der Form eines Gesichts lesen, wofür ein Mensch steht? Wann empfindet man ein Portrait als positiv oder negativ? Weil man es aus Zusammenhängen heraus erinnert, oder weil man erkennen kann, was für ein Mensch sich dahinter verbirgt?

    Wenn man ein Gesicht anhand seiner Formen dechiffrieren könnte, wären wir dann nicht auch dazu fähig, Absichten und Gedanken zu lesen? Und kann die künstlerische Interpretation eines Antlitzes bildhaft zeigen, wie sehr Form zu Inhalt wurde?

    Entwickeln wir uns zu dem, wie wir von Geburt an geformt sind oder formen wir uns durch unsere Gefühle und Gedanken selbst? Sind wir Mond oder Sonne, Resonanzkörper oder Lichtquelle?


    Kein anderes Lebewesen kann seine Gefühle mimisch so deutlich ausdrücken, wie der Mensch. Was für einen Vorteil haben wir durch diese Form der Evolution? Ist es die Mimik, die uns zur differenzierten Kommunikation befähigt und äußerlich den wesentlichen Unterschied verdeutlicht zwischen Mensch und Tier? Die Wissenschaft behauptet, nur 1,6 % unserer DNS unterscheidet sich von der eines Menschenaffen.
    Ist ´Lügen´ eine Begabung des Menschen, weil wir in der Lage sind, durch Mimik und Gestik und das Modellieren unserer Stimmen, das Gegenteil auszudrücken von dem was wir tatsächlich fühlen? Müssen wir dazu in der Lage sein, Zorn, Neid, Eifersucht, Stolz, Gier, Lust und Ignoranz zu unterdrücken, damit wir in Gesellschaften leben können?
    Gräbt sich die unerfüllte Sehnsucht in ein Gesicht, Glück oder wiederkehrender Frust und formt sich daraus Charakter? Kann man sehen, ob ein Mensch sein „Yes we can!“ wirklich glaubt, oder ob er diese Parole nur benutzt, um andere für sich zu begeistern? Ob er ein Idealist ist oder ein Demagoge?
    Ist es der Blick eines Menschen, der ´Bände spricht´ oder sind es die Tiefe der Nasalfalten, hängende Mundwinkel oder schmale Lippen, die uns erzählen, ob jemandem das ´Leben schmeckt´? Sind Falten Veranlagung oder selbst ´verschuldet´? Kann man die jugendliche Attraktivität der unberührten Unschuld bewahren, indem man weniger denkt und fühlt? Sollten wir hübschen Menschen mehr vertrauen als vom Leben gezeichneten? Ist eine hohe Stirn tatsächlich Hinweis auf eine hohe Intelligenz?
    Dient dem Menschen seine Fähigkeit dazu andere zu dechiffrieren oder beschränkt sie ihn durch Vorurteile? Sind Vorurteile dazu da, sich zu orientieren, weil Andersartigkeit immer auch zu einer Gefahr werden kann – für das Individuum, die Familie, den Stamm, das Volk? Dienen Feindbilder dazu, sich rechtzeitig zu verteidigen?
    Sollten wir mehr das glauben, was wir sehen, oder das, was wir hören? Können wir überhaupt unserer Wahrnehmung trauen? Oder ist diese so begrenzt, dass wir mitnichten die ´Freie Wahl´ haben?
    Gibt es Menschen, die zum Führen geboren sind und woran erkennen wir sie? Woran erkennt man überhaupt, ob ein Mensch gut oder schlecht ist? Ist ein guter Mensch derjenige, der seine guten Absichten nicht realisieren kann oder einer, der sie um jeden Preis in die Tat umsetzt?
    Ist ein Mensch böse, wenn er sich weigert der gewählten Autorität zu gehorchen, weil er sich seinem Gewissen mehr verpflichtet fühlt als der Führung seines Landes? Kann ein Mensch ´gut´ aussehen, wenn er immer wieder gegen seine Überzeugung handelt und wider sein Gewissen, um seine Macht zu erhalten? Können Machtmenschen gutaussehen? Was verbindet uns Menschen mehr miteinander, ein gutes Gewissen oder das Einhalten von Regeln?
    Gibt es überhaupt etwas, das alle Menschen miteinander verbindet und können wir dies erkennen? Sind die Augen das Fenster zur Seele? Und ist die Seele das, was wir suchen sollten, wenn wir Menschen uns finden wollen?
    Kierkegard sagte: „ Man kann sich auf zwei Arten irren. Man kann glauben, was nicht wahr ist oder man kann sich weigern zu glauben, was wahr ist.“ Es liegt an uns zu entscheiden, ob wir die Wahrheit sehen wollen oder nicht, ob wir frei und selbstbestimmt sind oder gebunden und fremdbestimmt, ob wir etwas dafür tun können, Freiheit zu erlangen oder ob es besser ist, die Führung anderen zu überlassen, ob wir die Welt gestalten oder nur Gestalt annehmen.

  • Zur Bundeskonferenz der Straßenkinder

    Auf dem 1. Bundeskongress für Straßenkinder in Berlin wurde von Jugendlichen unter der Leitung von Karuna ein Forderungskatalog entwickelt. Nun liest man diesen mit Verwunderung:

    Gefordert wird darin, dass man diese Jugendlichen überhaupt wahrnehme. Um zurück zu kehren in die ´normale´ Gesellschaft, in der man zur Schule gehen und eine Ausbildung erlernen möchte, wird gefordert, dass es in den Ämtern Vertrauenspersonen geben solle und Ansprech-´Partner´, dass Geld bereit gestellt werden solle, um sich den ganzen Tag über ernähren zu können, Unterrichtsmaterial kaufen zu können. Sie fordern einen verständlichen Umgang mit Amts-Unterlagen, eine freundliche Behandlung und wollen unter Führung von Sozialarbeitern lernen, wie man mit Geld umgeht, des Weiteren ´Chill-out-Räume´ in Schulen, mit anderen Worten Räume, in denen man Kraft schöpfen kann, um sich von dem ewigen Leistungsdruck zu erholen und sie fordern Aussicht auf einen Platz zum Leben.

    Diese Jugendlichen fordern Dinge, die eigentlich so selbstverständlich sind, dass man sich nur wundern kann darüber, dass ihnen all das abgeht. Dabei wird uns durch die Organe der Parteien und über die Medien doch immer wieder mitgeteilt, wie gut unser Sozialsystem funktioniere und vor allem, wie weit entfernt davon andere Nationen im Vergleich seien.

    Was in dem Forderungskatalog zum Ausdruck kommt, ist vor allem eins: Dass diese Jugendlichen alleingelassen sind, dass sie niemanden haben, der Ihnen zur Seite steht, dass sie nicht versorgt werden, dass sie völlig überfordert sind mit ihrem Leben und deswegen jeder zusätzliche Leistungsdruck bedrohlich ist für ihre Existenz.

    Neben der Grundausstattung zum Leben fordern sie vor allem dies: Nachsicht und Verständnis und die Einsicht dafür, dass sie wollen, aber unter den gegebenen Umständen einfach nicht können, weil ihnen ein Mindestmaß an Versorgung abgeht, das jedes Kind braucht, um sich ´normal´ entwickeln zu können: Ein Zuhause, in dem man nicht einer Willkür ausgesetzt ist, derer man sich weder physisch noch psychisch widersetzten kann.
               Was treibt Kinder auf die Straße? Wann ziehen sie die Isolation dem Zusammenleben mit Eltern vor und hauen ab? Was muss passieren, dass sie lieber harte Drogen nehmen, obwohl sie wissen, dass es dann meistens kein Zurück mehr gibt, weil sie davon abhängig werden und krank?

    Zum einen ist es Machtmissbrauch, verübt oder zugelassen von denjenigen, die sie eigentlich beschützen sollten, den eigenen Eltern. Diese Erwachsenen sind oft selber traumatisiert, erleben Missbrauch oder sind so überfordert mit ihren Lebensumständen, dass sie ihre aufgestauten Aggressionen in Form von Gewalt ausleben und die Kinder schwer misshandeln oder auch sexuell missbrauchen. Kinder, die weg laufen, fliehen vor Erwachsenen, die ihr Leben bedrohen, körperlich wie auch seelisch.
                Zum anderen ist es Ignoranz. Eltern haben keine Lust sich mit ihren heranreifenden Kindern auseinander zu setzen, denn das ist nervenaufreibend und kostet nur Zeit. Die Jugendlichen werden äußerlich mit allem versorgt, sind ansonsten aber sich selbst überlassen. Das treibt Jugendliche in eine orientierungslose Einsamkeit, die manchmal durch Selbstmord beendet wird.

    Wenn ein Kind anfängt Drogen zu nehmen, ist dies ein Zeichen dafür, dass es etwas braucht, um zu entspannen. Wenn ein Kind keine Möglichkeit hat, Momente des Glücks durch andere Zusammenhänge zu erleben, dann wird es abhängig. Die Reisen werden immer weiter und die Drogen härter, weil die Realität getauscht wird gegen eine Traumwelt, in der es das erlebt, wonach es sich am meisten sehnt, nach Geborgenheit und Liebe.

    In dieser Parallelwelt muss man sich nicht mehr rechtfertigen für das, was Zuhause passiert, oder gegen das, was man nicht auf die Reihe kriegt, oder das, was einen zutiefst beschämt und worüber man mit niemandem reden kann. Viele betäuben sich mit Alkohol oder sie ´machen Urlaub´ mit Mitteln mit Namen wie „Extasy“, „Chrystal Meth“ oder „Crack“, so als würden sich dann alle Probleme von ganz allein verwandeln in exstatische Liebesgefühle, kristalklare Wahrnehmung und die Zuversicht, die man braucht, Sollbruchstellen zu überwinden, um sich wohl zu fühlen. Zusammen mit anderen, die auch Suchende sind und die ohne Worte verstehen, konsumieren Jugendliche Drogen, um zu bekommen was man so sehr vermisst: eine Familie, zu der man bedingungslos gehört in einer Gemeinschaft, in der kein Leistungsniveau erreicht werden muss, um dazu zu gehören.

    Dass Kinder nicht mehr funktionieren, wird außerhalb der Familie meistens erst wahrgenommen, wenn sie nicht mehr zur Schule gehen. Dann beginnt es von Amtswegen abzurutschen in die Illegalität. Anstatt dem entgegen zu wirken, indem man Rücksicht nimmt, verstärken leistungsorientierte und auch hilflose Lehrer den Druck oftmals. Ein Kind, das in der Schule nicht funktioniert, wird degradiert. Dabei kann jeder Mensch sehr viel lernen, wenn er nur genug Zeit bekommt, um seine Technik zu entwickeln, Zusammenhänge zu verstehen und zu verknüpfen.

    Die Grundschullehrerin meiner Tochter zeigte uns Eltern bei dem ersten Elternabend, was unsere Kinder an Hochleistung erbringen müssen, wenn sie Lesen und Schreiben lernen, indem sie chinesische Schriftzeichen auf die Tafel schrieb und uns Eltern dann aufforderte, einige davon sofort zu erlernen. Das Ergebnis war niederschmetternd. Wir brauchten ewig, bis wir etwas derartig Fremdes überhaupt erkennen und dann zuordnen konnten.

    Doch wie soll man in einem Zuhause lernen, wenn man sich nicht konzentrieren kann, weil man Angst haben muss vor Willkür oder Missbrauch? Wie soll man als Jugendlicher heraus finden, was wichtig ist und was unwichtig ist, wenn man emotional auf sich gestellt ist, isoliert und einsam, so dass einem die Welt als sinnlos erscheint?

    Kinder und Jugendliche, die in die Illegalität abrutschen, weil sie nicht mehr nach Hause kommen, Drogen nehmen, nicht mehr zur Schule gehen, Hausfriedensbruch begehen, Essen klauen, sich prostituieren, leben auf der Flucht. Sie haben jedes Vertrauen darin verloren, dass man ihnen wirklich helfen will. Anstatt zu verzweifeln legen sie sich lieber eine Rüstung zu und verwandeln sich in Krieger und Kriegerinnen die vogelfrei leben. Doch diese Hülle ist vor allem ein Schutz davor, wieder verletzt zu werden. Das Absurde daran ist, dass der Stoff, der ihre Träume ausmacht bald schon der Stoff ist, der sie in die absolute Verzweiflung treibt. Ein Kind zurück zu holen, zu entgiften und dafür zu sorgen, dass es clean bleibt, heißt vor allem, ihm zu zeigen, dass es erwünscht ist, dass es einzigartig ist und dass es eine Chance hat. Das kostet Zeit.

             Was in dem Forderungskatalog deutlich zutage tritt, ist der Wunsch, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Diese Jugendlichen wollen lernen, wollen Leistung erbringen, weil sie teilnehmen wollen an dem, was wir Gesellschaft nennen. Sie wollen nicht mehr fliehen, sondern sich die Erlaubnis holen, wieder mitzumachen. Doch die Verfahren sind so kompliziert, dass sie Hilfe brauchen, das Amtsdeutsch zu verstehen. Wie ein Flüchtling, der von sehr weit her kommt, müssen auch sie um Wiederaufnahme bitten.

    In unserer Welt gibt es tausende von Regeln, die dazu dienen, dass Millionen von Menschen hier miteinander leben können. Und es wird immer komplizierter zu verstehen, wie man sich zu verhalten hat, was man können muss, damit man teilnehmen darf. Die Sozialisierung, das heißt, die Eingliederung eines Individuums in die große Gruppe unserer ´Volksgemeinschaft´, kann nicht von Beamten und Sozialarbeitern bewerkstelligt werden, wenn die Gesellschaft nicht nachsichtig und großzügig ist, wenn sich nicht alle wünschen, dass wir eine große Gemeinschaft bilden, in der jeder, egal wie anders er ist, seinen Platz finden kann, sofern er sich darum bemüht.

    Ein Kind, das an einer Kreuzung steht und nicht weiß, was die weißen Streifen auf der Fahrbahn bedeuten, dem müssen wir zeigen, dass es aufmerksam und vorsichtig sein muss, dass es aber auch ein Recht darauf hat, wahrgenommen zu werden, um auf die andere Seite zu gelangen.

    Was würde passieren, wenn das Anderssein nicht mehr als bedrohlich erlebt wird, sondern als Herausforderung? Was wäre, wenn wir mutig genug wären, das Fremde entdecken zu wollen? Was würde sich in unserer Gesellschaft verändern, wenn wir das tun, wozu uns die Jugendlichen in ihrem Forderungskatalog aufrufen: „Nehmt uns wahr!“, wenn wir wieder unserer eigenen Wahrnehmung trauen, einander in die Augen schauen und zuhören? Würde dann das entstehen, was wir uns alle so sehr wünschen – Sinn?

    Christian Morgenstern sagte einmal: „Schönheit ist eigentlich alles, was wir mit Liebe betrachten.“ Vielleicht kann man diese Aussage ergänzen und sagen: „Schön und klug wird eigentlich alles, was wir mit Liebe behandeln.“